Krankheitsbilder & Behandlung
Kinderkrebsinfo.de

Akute myeloische Leukämie (AML) - Kurzinformation

Die nachfolgenden Informationen sind übernommen vom Informationsportal www.kinderkrebsinfo.de – hier auch Glossar, Literaturdatenbank und weitere Informationen zu Krebs bei Kindern und Jugendlichen.

Autor: Dipl. Biol. Maria Yiallouros, erstellt am: 02.02.2010, Freigabe: Prof. Dr. med. Ursula Creutzig, Zuletzt geändert: 02.10.2012 doi:10.1591/poh.patinfo.aml.kurz , Kurz-URL: www.kinderkrebsinfo.de/AML_kurzinformation

Krankheitsbild

Die akute myeloische Leukämie (AML) – auch akute nicht lymphoblastische Leukämie genannt – ist eine bösartige Erkrankung des Blut bildenden Systems. Sie entsteht im Knochenmark, dem Ort der Blutbildung, und geht im Allgemeinen mit einer Überproduktion unreifer weißer Blutzellen einher.

Normalerweise vermehren und erneuern sich alle Blutzellen in einem harmonischen Gleichgewicht. Sie durchlaufen dabei einen komplizierten Reifungsprozess. Bei der AML ist dieser Prozess außer Kontrolle geraten: Die weißen Blutkörperchen (Leukozyten) reifen nicht mehr zu funktionstüchtigen Zellen heran, sondern vermehren sich rasch und unkontrolliert. Sie verdrängen dadurch zunehmend die normale Blutbildung, so dass gesunde weiße Blutzellen sowie rote Blutzellen (Erythrozyten) und Blutplättchen (Thrombozyten) nicht mehr im notwendigen Umfang gebildet werden.

Blutarmut (Anämie), Infektionen und erhöhte Blutungsneigung können die Folge und zugleich auch das erste Anzeichen einer akuten Leukämie sein. Da die AML von Anfang an nicht auf eine bestimmte Stelle im Körper begrenzt ist, sondern vom Knochenmark aus das Blut, die lymphatischen Gewebe [lymphatisches System] und alle anderen Organe und somit ganze Organsysteme befallen kann, wird sie – wie alle Leukämien – auch als bösartige Systemerkrankung bezeichnet.

Die AML nimmt einen raschen Verlauf. Erfolgt keine Behandlung, kommt es durch die Ausbreitung der Leukämiezellen und der damit einhergehenden Schädigung der Körperorgane zu schweren Erkrankungen, die unbehandelt innerhalb weniger Wochen oder Monate zum Tod führen.

Häufigkeit

Die akute myeloische Leukämie (AML) ist – nach der akuten lymphoblastischen Leukämie (ALL) – mit knapp 20 % die zweithäufigste Leukämie bei Kindern und Jugendlichen. Ihr Anteil an der Gesamtheit aller bösartigen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter beträgt etwas unter 5 %.

In Deutschland erkranken nach Angaben des Deutschen Kinderkrebsregisters (Mainz) pro Jahr etwa 90 Kinder und Jugendliche bis zum vollendeten 14. Lebensjahr neu an einer akuten myeloischen Leukämie. Die Gesamtzahl der Patienten (bis zum vollendeten 18. Lebensjahr) liegt bei jährlich etwa 110. Die AML kann in jedem Alter auftreten, am häufigsten ist sie im höheren Erwachsenenalter. Im Kindes- und Jugendalter sind Säuglinge und Kleinkinder in den ersten beiden Lebensjahren am häufigsten betroffen. Jungen erkranken etwas häufiger als Mädchen.

Formen der akuten myeloischen Leukämie

Die AML entsteht durch die bösartige Veränderung (Entartung) unreifer myeloischer Zellen. Es handelt sich dabei um Stammzellen der Blutbildung (kurz: Blutstammzellen), aus denen im weiteren Entwicklungsverlauf – je nach Art der Stammzelle – bestimmte weiße Blutzellen (Granulozyten, Monozyten), rote Blutzellen oder Blutplättchen hervorgehen. Bei der AML findet in der Regel eine Entartung in einer unreifen Vorläuferzelle der weißen Blutzellen, den Myeloblasten, statt. Prinzipiell können aber Vorläufer aller myeloischen Zellen entarten, so auch die der roten Zellreihe und der Blutplättchen oder auch gemeinsame Vorläuferzellen.

Da die bösartige Veränderung demnach verschiedene Zelltypen betreffen und zudem auf unterschiedlichen Reifungsstufen erfolgen kann, gibt es verschiedene Formen der AML (zum Beispiel Myeloblastenleukämie, Monoblastenleukämie, Erythroblastenleukämie, Megakaryozytenleuämien und verschiedene Mischformen). Bis vor kurzem wurden, je nach Herkunft der leukämischen Zellen, acht verschiedene Hauptformen der AML unterschieden. Heutzutage erfolgt die Einteilung anhand der genetischen Veränderungen, die die entarteten Zellen aufweisen.

Wichtig zu wissen ist, dass es verschiedene Formen der AML gibt, da sich diese, was Krankheitsverlauf und Heilungsaussichten (Prognose) betrifft, zum Teil deutlich voneinander unterscheiden. Bei der Wahl der Behandlungsstrategie werden diese Unterschiede berücksichtigt.

Ursachen

Die Ursachen der akuten myeloischen Leukämie (AML) sind weitgehend unbekannt. Zwar weiß man, dass die Krankheit durch die bösartige Veränderung einer unreifen myeloischen Zelle entsteht und dass die Entartung mit Veränderungen im Erbgut der Zelle einhergeht. In den meisten Fällen bleibt jedoch unklar, warum genetische Veränderungen auftreten und warum sie bei manchen Kindern zur Erkrankung führen, bei anderen nicht. Nach heutigem Wissen müssen mehrere genetische Veränderungen zusammenkommen, damit eine Leukämie entstehen kann.

Bekannt ist, dass Kinder und Jugendliche mit bestimmten ererbten oder erworbenen Immundefekten oder mit bestimmten Chromosomenveränderungen (zum Beispiel Down-Syndrom, Fanconi-Anämie) ein erhöhtes Risiko haben, an einer AML zu erkranken. Auch radioaktive Strahlen und Röntgenstrahlen, bestimmte chemische Substanzen und Medikamente, Zigaretten- oder Alkoholkonsum der Eltern und möglicherweise auch Viren können bei der Entstehung einer Leukämie eine Rolle spielen. Bei der Mehrheit der Patienten kennt man die krankheitsauslösenden Faktoren jedoch nicht.

Krankheitszeichen

Die Krankheitszeichen (Symptome), die mit einer akuten myeloischen Leukämie (AML) einhergehen, entwickeln sich meist innerhalb weniger Wochen. Sie sind auf die Ausbreitung der bösartigen Zellen im Knochenmark und in anderen Körperorganen und -geweben zurückzuführen. Die ungehemmte Teilung der Leukämiezellen im Knochenmark beeinträchtigt zunehmend die Produktion der normalen Blutzellen.

Kinder und Jugendliche, die an einer AML erkrankt sind, fallen deshalb meist zunächst durch allgemeine Krankheitszeichen wie Mattigkeit, Spielunlust und Blässe (Anämie) auf. Diese sind bedingt durch den Mangel an roten Blutkörperchen, deren Aufgabe es ist, den Sauerstoff in die Körperzellen zu transportieren. Durch den Mangel an funktionstüchtigen weißen Blutkörperchen (zum Beispiel Lymphozyten und Granulozyten) können Krankheitserreger nicht mehr ausreichend bekämpft werden; es stellen sich Infektionen ein, die sich durch Fieber bemerkbar machen. Das Fehlen von Blutplättchen, die für eine rasche Blutgerinnung sorgen, kann zu Haut- und Schleimhautblutungen führen.

Die Überhandnahme der Leukämiezellen im Körper führt, abgesehen von Veränderungen im Blutbild, zu Organbeschwerden: Das Wachstum der Leukämiezellen in den Hohlräumen der Knochen, im Knochenmark, kann Knochenschmerzen hervorrufen, vor allem in Armen und Beinen. Sie können so ausgeprägt sein, dass kleinere Kinder nicht mehr laufen mögen und getragen werden wollen. Die bösartigen Zellen können sich außerdem in Leber, Milz und Lymphknoten festsetzen, so dass diese Organe anschwellen und zu entsprechenden Beschwerden, zum Beispiel Bauchschmerzen, führen. Kein Organ ist grundsätzlich verschont. Bei Patienten mit einer AML kann es auch zu einem Befall der Hirnhäute kommen. Kopfschmerzen, Gesichtslähmungen, Sehstörungen und/oder Erbrechen können die Folge sein. Auch tumorartige Haut- oder Schleimhautveränderungen kommen vor.

Die Symptome einer AML können individuell sehr verschieden stark ausgeprägt sein. Wichtig zu wissen ist auch, dass das Auftreten eines oder mehrerer der genannten Krankheitszeichen nicht unbedingt bedeuten muss, dass eine Leukämie vorliegt. Viele dieser Symptome treten bei vergleichsweise harmlosen Erkrankungen auf, die mit Leukämie nichts zu tun haben. Bei Beschwerden ist es jedoch ratsam, so bald wie möglich einen Arzt zu konsultieren, um deren Ursache zu klären. Liegt tatsächlich eine akute Leukämie vor, muss schnellstmöglich mit der Therapie begonnen werden.

Diagnose

Findet der (Kinder-)Arzt durch Krankheitsgeschichte (Anamnese) und körperliche Untersuchung des Patienten Hinweise auf eine akute Leukämie, wird er zunächst eine umfassende Blutuntersuchung vornehmen. Wenn sich, durch bestimmte Veränderungen im Blutbild, der Verdacht auf eine Leukämie erhärtet, ist eine Entnahme von Knochenmark (Knochenmarkpunktion) zur Sicherung der Diagnose notwendig. Zu diesem Zweck und für eventuell sich anschließende Untersuchungen wird der Arzt den Patienten in ein Krankenhaus überweisen, das auf Krebs- und Bluterkrankungen bei Kindern und Jugendlichen spezialisiert ist (Klinik für pädiatrische Onkologie/Hämatologie).

Blut- und Knochenmarkuntersuchung erlauben eine genaue Aussage darüber, ob und an welcher Art von Leukämie der Patient erkrankt ist. Die Untersuchungen beinhalten mikroskopische (zytomorphologische), immunologische und genetische Laborverfahren, die es nicht nur ermöglichen, eine AML von anderen Leukämiearten (zum Beispiel einer ALL) abzugrenzen. Es lassen sich auch innerhalb des Krankheitsbildes AML verschiedene Unterformen unterscheiden. Dies ist eine wichtige Voraussetzung für eine gezielte Therapieplanung, denn es hat sich gezeigt, dass sich die verschiedenen AML-Formen nicht nur auf zellulärer und molekularer Ebene voneinander unterscheiden, sondern auch deutliche Unterschiede in ihrem Krankheitsverlauf, ihren Heilungsaussichten (Prognose) und der Therapierbarkeit zeigen.

Untersuchungen zur Ausbreitung der Erkrankung: Liegt eine AML vor, so ist es für die Behandlungsplanung auch wichtig zu wissen, ob außerhalb des Knochenmarks noch weitere Organe des Körpers – zum Beispiel Gehirn, Leber, Milz, Lymphknoten, Haut oder Knochen – von Leukämiezellen befallen sind. Auskunft darüber geben verschiedene Bild gebende Verfahren wie Ultraschall- und Röntgenuntersuchung, im Bedarfsfall auch Magnetresonanztomographie (MRT), Computertomographie (CT) und/oder die Skelett-Szintigraphie. Um herauszufinden, ob auch das Zentralnervensystem (Gehirn und Rückenmark) von der Erkrankung betroffen ist, wird außerdem aus dem Nervenwasserkanal eine Probe entnommen und auf Leukämiezellen untersucht (Lumbalpunktion).

Untersuchungen vor Therapiebeginn: Behandlungsvorbereitend erfolgt ferner eine Überprüfung der Herzfunktion (Elektrokardiographie [EKG] und Echokardiographie) und der Gehirnfunktion (Elektroenzephalographie, EEG). Veränderungen, die möglicherweise im Laufe der Therapie auftreten, können aufgrund solcher Ausgangsbefunde besser beurteilt werden. Umfangreiche Laboruntersuchungen dienen dazu, den Allgemeinzustand des Patienten zu überprüfen und festzustellen, ob durch die Leukämie die Funktionen einzelner Organe (zum Beispiel Nieren und Leber) beeinträchtigt sind oder Stoffwechselstörungen vorliegen, die vor oder während der Behandlung besonders berücksichtigt werden müssen. Im Hinblick auf eventuell notwendig werdende Bluttransfusionen muss eine Bestimmung der Blutgruppe erfolgen.

Nicht alle Untersuchungen sind bei jedem Patienten notwendig. Ihr Behandlungsteam wird Sie darüber informieren, welche diagnostischen Verfahren bei Ihnen oder Ihrem Kind zur Therapieplanung erforderlich sind.

Behandlung

Besteht oder bestätigt sich der Verdacht auf eine akute myeloische Leukämie (AML), muss der Patient schnellstmöglich in einer kinderonkologischen Behandlungseinrichtung behandelt werden. Dort ist das hoch qualifizierte Fachpersonal (Ärzte, Fachpflegekräfte) auf die Behandlung krebskranker Kinder spezialisiert und mit den modernsten Therapieverfahren vertraut. Die Ärzte dieser Klinikabteilungen stehen in fachorientierten Arbeitsgruppen in ständiger, enger Verbindung miteinander und behandeln ihre Patienten nach gemeinsam entwickelten und stetig weiter verbesserten Therapieplänen.

Behandlungsmethoden

Im Zentrum der Behandlung eines Patienten mit akuter myeloischer Leukämie (AML) steht die intensive Chemotherapie. Sie wird nur in wenigen Fällen durch eine Bestrahlung des Zentralnervensystems (Schädelbestrahlung) ergänzt. Das Ziel der Behandlung besteht darin, die Leukämiezellen im Körper möglichst vollständig zu vernichten, so dass das Knochenmark seine Funktion als Blut bildendes Organ wieder aufnehmen kann. Therapiebegleitend erfolgen unterstützende Behandlungsmaßnahmen, die der Vermeidung von Komplikationen dienen. Diese so genannte Supportivtherapie stellt bei Patienten mit AML einen wichtigen Teil der Behandlung dar.

Die Intensität und Dauer der Chemo- und gegebenenfalls Strahlentherapie sowie die Prognose der Erkrankung richten sich unter anderem danach, an welcher AML-Unterform der Patient erkrankt ist, wie stark sich die Leukämiezellen im Körper bereits ausgebreitet haben und wie die Leukämie auf die Therapie anspricht. Denn davon hängt es ab, welcher Therapiegruppe der Patient zugeordnet wird (Standardrisiko- oder Hochrisikogruppe) und nach welchem Therapieplan er folglich behandelt wird. Bei Patienten mit anfänglichem Nicht-Ansprechen oder einem Krankheitsrückfall ist eine Hochdosis-Chemotherapie mit anschließender Stammzelltransplantation (Stammzelltherapie) eine weitere Möglichkeit der Behandlung.

Behandlungsablauf

Prinzipiell besteht die Therapie aus verschiedenen Therapiephasen, die sich hinsichtlich ihrer Dauer und der eingesetzten Medikamentenkombinationen voneinander unterscheiden und unterschiedliche Ziele verfolgen. Wichtige Therapieelemente sind:

  1. die Induktionstherapie: Sie besteht aus einer besonders intensiven Chemotherapie und zielt darauf ab, innerhalb kurzer Zeit die Mehrzahl der Leukämiezellen zu vernichten, das heißt, eine Remission herbeizuführen. Die Induktionstherapie umfasst zwei Chemotherapie-Blöcke und dauert mit Erholungspause etwa zwei Monate.
  2. die Konsolidierungs- und Intensivierungstherapie schließt sich an die Induktionstherapie an und besteht aus drei Blöcken einer ebenfalls intensiven Chemotherapie, zum Teil mit anderen Medikamentenkombinationen. Ihr Ziel ist, die noch verbliebenen Leukämiezellen im Körper zu vernichten und so das Risiko eines Krankheitsrückfalls zu minimieren. Die Intensivierungstherapie dauert etwa drei bis vier Monate.
  3. die ZNS-Therapie: Es handelt sich dabei um eine vorbeugende (prophylaktische) oder therapeutische Behandlung des Zentralnervensystems (ZNS). Sie soll verhindern, dass sich Leukämiezellen im Gehirn oder Rückenmark ansiedeln oder weiter ausbreiten. Die ZNS-Therapie erfolgt während der systemischen Chemotherapie in Form mehrerer Medikamentengaben in den Nervenwasserkanal (intrathekale Chemotherapie). Wenn sich Leukämiezellen im Zentralnervensystem befinden, wird zusätzlich im Anschluss an die Intensivtherapie eine etwa zwei- bis dreiwöchige Strahlentherapie des Kopfes (Schädelbestrahlung) durchgeführt.
  4. die Erhaltungs- oder Dauertherapie: Sie besteht aus einer milderen Chemotherapie, die insgesamt ein Jahr dauert und vorwiegend ambulant erfolgt. Ihr Ziel ist, durch eine möglichst lange Therapiedauer all jene Leukämiezellen zu vernichten, die trotz der intensiven Behandlung überlebt haben.

Manche Patienten (mit großen Leukämiezellzahlen im Blut oder starkem Organbefall) erhalten vor der eigentlichen Therapie eine so genannte Vortherapie (zytoreduktive Vorphase). Der Zweck dieser etwa einwöchigen Behandlung besteht darin, die Leukämiezellen auf eine schrittweise und damit für den Organismus möglichst schonende Weise zu reduzieren, um Komplikationen (wie beispielsweise das Zellzerfalls- oder Tumorlyse-Syndrom) zu vermeiden.

Die Gesamtdauer der Therapie beträgt somit in der Regel etwa eineinhalb Jahre (sofern keine Stammzelltransplantation erforderlich ist und kein Rückfall eintritt). Der intensive Behandlungsteil (etwa sechs Monate) ist mit vielen stationären Klinikaufenthalten verbunden, Erholungspausen zwischen den Chemotherapiegaben können aber zu Hause stattfinden, wenn keine Probleme (wie Fieber oder Infektionen) auftreten. Während der eher gemäßigten, längeren Dauertherapie-Phase (circa ein Jahr) kann der Patient zu Hause sein. Allerdings muss er regelmäßig in die Tagesklinik oder in die Ambulanz kommen.

Sonderregelungen in der Behandlung gelten für Patienten mit Down-Syndrom und Promyelozytenleukämie, einer Unterform der AML.

Therapieoptimierungsstudien

Fast alle Kinder und Jugendlichen mit akuter myeloischer Leukämie (AML) werden in Deutschland im Rahmen von Therapieoptimierungsstudien behandelt. Es handelt sich dabei um kontrollierte klinische Studien, die das Ziel haben, erkrankte Patienten nach dem jeweils aktuellsten Wissensstand zu behandeln und gleichzeitig die Behandlungsmöglichkeiten zu verbessern und weiter zu entwickeln.

Zurzeit gibt es in Deutschland, in der Regel mit internationaler Beteiligung, die im Folgenden genannten Therapiestudien und Register zur Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit AML:

  • Register AML-BFM 2012: In Deutschland war für Kinder und Jugendliche (Alter: 0 bis 18) mit einer AML-Ersterkrankung bis März 2012 die Aufnahme in die Studie AML-BFM 2004 möglich. Es handelte sich um eine internationale multizentrische Therapieoptimierungsstudie, an der pädiatrisch-onkologische Kinderkliniken und Behandlungseinrichtungen in ganz Deutschland sowie in der Schweiz, in Österreich und Tschechien beteiligt waren. Die Studie ist inzwischen für die Aufnahme neuer Patienten geschlossen; bis zur Eröffnung der Nachfolgestudie (voraussichtlich Ende 2012) werden alle Patienten in einem Register (AML-BFM 2012) erfasst. Die Behandlung erfolgt weiterhin nach den Therapieempfehlungen der AML-BFM-Studie.
  • Studie AML SCT-BFM 2007: Es handelt sich hierbei um eine internationale multizentrische Therapieoptimierungsstudie zur Behandlung von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die aus bestimmten Gründen (Krankheitsrückfall, Nicht-Ansprechen der Erkrankung auf die Standardtherapie) eine Stammzelltransplantation erhalten sollen. Zugelassen sind Patienten zwischen 0 und 21 Jahren. An der Studie sind zahlreiche Kliniken in Deutschland, Österreich, der Schweiz und der Tschechischen Republik beteiligt.
  • Für Kinder und Jugendliche mit Krankheitsrückfall oder therapieresistenter AML gibt es (abgesehen von der oben genannten Studie zur Stammzelltransplantation) derzeit kein gültiges Therapieprotokoll, jedoch ein internationales Register (AML Relapsed 2009). In dem Register werden all diese Patienten erfasst und nach Therapieempfehlungen behandelt, die sich aus Ergebnissen der Vorläuferstudie (Relapsed AML 2001/01) ableiten.
  • Kinder und Jugendliche mit Down-Syndrom und AML werden im Rahmen des Registers ML-DS 2006 erfasst und nach entsprechenden Therapieleitlinien behandelt. Eine weitere Studie (TMD Prävention 2007) gibt es für Neugeborene mit Down-Syndrom, die an einem so genannten transient-myeloproliferativem Syndrom (TMD) erkrankt sind. Diese Krankheit geht häufig in eine myeloische Leukämie über. Ziel der Studie ist es, das Risiko zur späteren Entwicklung einer AML zu senken.

Die Studienzentrale aller genannten Studien und Register befindet sich in der Abteilung Pädiatrische Onkologie und Hämatologie der Medizinischen Hochschule Hannover. Der Leiter der Studienzentrale ist Prof. Dr. med. Dirk Reinhardt, der auch für die Mehrzahl der genannten Studien verantwortlich ist. Die Studie AML SCT-BFM 2007 steht unter der Leitung von Prof. Dr. med. Martin Sauer.

Prognose

Die Heilungschancen (Prognose) von Kindern und Jugendlichen mit akuter myeloischer Leukämie (AML) haben sich dank der großen Therapiefortschritte in den letzten drei Jahrzehnten deutlich verbessert. Die heute eingesetzten modernen Untersuchungsmethoden und intensiven, standardisierten Kombinationschemotherapien führen dazu, dass fünf Jahre nach der Diagnosestellung knapp 70 % der an AML erkrankten Kinder und Jugendlichen krankheitsfrei leben (5-Jahres-Überlebensraten).

Dies bedeutet allerdings auch, dass für über 30 % aller AML-Patienten eine Heilung heute noch nicht möglich ist. Der Hauptgrund dafür ist die hohe Zahl der Krankheitsrückfälle (Rezidive) nach zunächst erfolgreicher Behandlung: Fast ein Drittel aller AML-Patienten ist davon betroffen. Darüber hinaus gibt es Patienten, deren Erkrankung von Anfang an nicht oder nur unzureichend auf die Behandlung anspricht (etwa 10 %), also keine Remission eintritt. Die Ärzte bezeichnen dies als Therapieversagen.

Die Heilungsaussichten sind bei einem Krankheitsrückfall generell ungünstig, vor allem dann, wenn er sich zu einem frühen Zeitpunkt, das heißt, noch vor Ablauf eines Jahres nach Erreichen einer Erstremission, ereignet. Das Gleiche gilt für Patienten, die von Anfang an nicht auf die Therapie ansprechen. Bei diesen Patienten kann jedoch mit einer erneuten Chemotherapie (Rezidivtherapie) und anschließender Stammzelltransplantation noch eine Heilung erzielt werden. Der Behandlungserfolg für die Gesamtheit der Patienten mit AML-Rezidiv liegt derzeit bei etwa 38% (5-Jahres-Überleben).

Im Rahmen der derzeitigen Therapieoptimierungsstudien sowie zukünftiger Studien sollen die Heilungsaussichten auch für diese Patienten weiter verbessert werden.

Anmerkung: Bei den genannten Heilungsraten handelt es sich um statistische Größen. Sie stellen nur für die Gesamtheit der an einer AML erkrankten Patienten eine wichtige und zutreffende Aussage dar. Ob der einzelne Patient geheilt werden kann oder nicht, lässt sich aus der Statistik nicht vorhersagen. Eine Leukämieerkrankung kann selbst unter günstigsten beziehungsweise ungünstigsten Voraussetzungen ganz unerwartet verlaufen.

Literatur

  1. Creutzig U: Relapsed acute myeloid leukemia. In: Pui C-H, ed. Childhood Leukemias. Cambridge:. Cambridge University Press; 2012, 421-428.
  2. Creutzig U, van den Heuvel-Eibrink MM, Gibson B, Dworzak MN, Adachi S, de Bont E, Harbott J, Hasle H, Johnston D, Kinoshita A, Lehrnbecher T, Leverger G, Mejstrikova E, Meshinchi S, Pession A, Raimondi SC, Sung L, Stary J, Zwaan CM, Kaspers GJ, Reinhardt D: Diagnosis and management of acute myeloid leukemia in children and adolescents: recommendations from an international expert panel, on behalf of the AML Committee of the International BFM Study Group. Blood 2012, [Epub ahead of print] [PMID: 22879540]
  3. Reinhardt D, Von Neuhoff C, Sander A, Creutzig U: [Genetic Prognostic Factors in Childhood Acute Myeloid Leukemia.] Klinische Padiatrie 2012 Jul 20; [PMID: 22821298]
  4. Kaatsch P, Spix C: Jahresbericht 2011. Deutsches Kinderkrebsregister, Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz 2011 [URI: http://www.kinderkrebsregister.de/ extern/ veroeffentlichungen/ jahresberichte/ aktueller-jahresbericht/ index.html]
  5. von Neuhoff C, Reinhardt D, Sander A, Zimmermann M, Bradtke J, Betts DR, Zemanova Z, Stary J, Bourquin JP, Haas OA, Dworzak MN, Creutzig U: Prognostic Impact of Specific Chromosomal Aberrations in a Large Group of Pediatric Patients With Acute Myeloid Leukemia Treated Uniformly According to Trial AML-BFM 98. Journal of clinical oncology 2010, 28: 2682 [PMID: 20439630]
  6. Niewerth D, Creutzig U, Bierings MB, Kaspers GJ: A review on allogeneic stem cell transplantation for newly diagnosed pediatric acute myeloid leukemia. Blood 2010, [PMID: 20538803]
  7. Sander A, Zimmermann M, Dworzak M, Fleischhack G, von Neuhoff C, Reinhardt D, Kaspers GJ, Creutzig U: Consequent and intensified relapse therapy improved survival in pediatric AML: results of relapse treatment in 379 patients of three consecutive AML-BFM trials. Leukemia 2010, [PMID: 20535146]
  8. Schrappe M, Creutzig U: Akute lymphoblastische (ALL) und akute myeloische (AML) Leukämie im Kindesalter. Interdisziplinäre Leitlinie der Deutschen Krebsgesellschaft und der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie. AWMF online 2008 [URI: http://www.awmf.org/ uploads/ tx_szleitlinien/ 025-014.pdf]
  9. Zwaan MC, Reinhardt D, Hitzler J, Vyas P: Acute leukemias in children with down syndrome. Pediatric clinics of North America 2008, 55: 53 [PMID: 18242315]
  10. Belson M, Kingsley B, Holmes A: Risk factors for acute leukemia in children: a review. Environmental health perspectives 2007, 115: 138 [PMID: 17366834]
  11. Reinhardt D, Ritter J: Klassifikation der Leukämien und malignen Lymphome. In: Gadner H, Gaedicke G, Niemeyer C, Ritter J, editors. Pädiatrische Hämatologie und Onkologie Berlin, Heidelberg, New York: Springer Verlag, 2006, 647 [ISBN: 3540037020
  12. Creutzig U, Reinhardt D: Akute myeloische Leukämien. In: Gadner H, Gaedicke G, Niemeyer C, Ritter J, editors. Pädiatrische Hämatologie und Onkologie Berlin, Heidelberg, New York: Springer Verlag, 2006, 690-714. [ISBN: 3540037020
  13. Creutzig U, Zimmermann M, Ritter J, Reinhardt D, Hermann J, Henze G, Jürgens H, Kabisch H, Reiter A, Riehm H, Gadner H, Schellong G: Treatment strategies and long-term results in paediatric patients treated in four consecutive AML-BFM trials. Leukemia 2005, 19: 2030 [PMID: 16304570]
  14. Creutzig U, Reinhardt D, Diekamp S, Dworzak M, Stary J, Zimmermann M: AML patients with Down syndrome have a high cure rate with AML-BFM therapy with reduced dose intensity. Leukemia 2005, 19: 1355 [PMID: 15920490]
  15. Henze G: Leukämien, in Gutjahr P: Krebs bei Kindern und Jugendlichen. Deutscher Ärzte-Verlag Köln 5. Aufl. 2004, 293 [ISBN: 3769104285
  16. Creutzig U, Henze G, Bielack S, Herold R, Kaatsch P, Klusmann J, Graf N, Reinhardt D, Schrappe M, Zimmermann M, Jürgens H: Krebserkrankungen bei Kindern. Erfolg durch einheitliche Therapiekonzepte seit 25 Jahren. Deutsches Ärzteblatt 2003, 100:A842 [URI: http://www.aerzteblatt.de/ v4/ archiv/ artikel.asp?id=36271]
  17. Creutzig U: Treatment of acute myeloid leukemia in children, in Pui CH: Treatment of Acute Leukemias, New Directions for Clinical Research. Totowa, NJ: Humana Press Inc 2003, 237 [ISBN: 0-89603-834-3
PDF-Datei der Patienten-Kurzinformation zur akuten myeloischen Leukämie (AML) (317KB)
Autor: Dipl.-Biol. Maria Yiallouros, Prof. Dr. med. Ursula Creutzig
Stand 25.09.2012